Die Rückkehr „der Dorfschwester“

„Wie kann die medizinische Versorgung im ländlichen Raum, speziell in der Rhön, erhalten werden und können die HeimatUnternehmer etwas dazu beitragen?  Diese Frage wurde bei einem Treffen der HeimatUnternehmer von Werner Palancares aufgeworfen. Schnell wurde klar, dass solch ein Projekt nur durch das Netzwerk der HUs umsetzbar ist.  So verschaffte etwa Florian Knobling vom Restaurant „einfach wir“ den Einstieg und ersten Kontakt zu einem seiner Stammgäste, ein Vorstandsmitglied der Rhön-Klinikum AG. Dazu stellte Karl Graf Stauffenberg die Verbindung in den Deutschen Bundestag her. Das Projekt kam ins Rollen.  Die Idee der „Dorfschwester“ entwickelte sich immer weiter. Durch Treffen und Telefonate mit Bürgermeistern, Ärzteverbänden, mit Universitäten und der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Hausärzteverband Bayerns, dem LGL, ZTM und den Krankenkassen wurde das Projekt soweit konkretisiert, dass eine Projektskizze entstand. Diese Projektskizze war es, die Palancares und das Netzwerk der HeimatUnternehmer mit dem Mellrichstädter Hausarzt Dr. Michael Günther zusammenbrachte. Denn sie brauchten einen kreativen Fachmann mit Erfahrung im Bereich der landärztlichen Versorgung, um der Projektidee einem Realitätscheck zu unterziehen. 

Die Lage

Die Lage ist ernst und der Schein trügt. Denn aktuell herrscht zwischen Heustreu und Fladungen – dem Streutal – eine, auf dem Papier, hausärztliche Überver-sorgung. Schließlich gibt es derzeit zwölf HausärztInnen im Streutal. Allerdings sind von diesen zwölf ÄrztInnen schon neun älter als 65 Jahre. Lediglich drei ÄrztInnen sind unter 65 Jahren. Das derzeitige Problem: Wenn in den kommenden Jahren diese neun MedizinerInnen in den Ruhestand gehen, dann ändert sich die Situation schlagartig und die haus-ärztliche Versorgung ist in den Dörfern nur noch schwerlich zu gewährleisten. Eine Mammutaufgabe für die restlichen drei Ärzte steht bevor. Schon jetzt nehmen Hausärzte keine neuen PatientInnen mehr auf. Auch die Vorstellung von Politikern und Funktionären, dass sich junge Ärzte in ausreichender Zahl wieder auf dem Land so einfach ansiedeln, ist problematisch, wenn nicht unrealistisch. Sämtliche Anstrengungen, dies zu ändern, blieben bis zuletzt jedoch ohne Ergebnis. 

Was also tun?

Medizinische Versorgung vor Ort und im Ort.

„Für die derzeitige und kommende Versorgungs-Situation, speziell im Streutal, brauchen wir innovative und neue Konzepte. Wir benötigen eine medizinische Versorgung vor Ort und im Ort. Medizi-nische Versorgungszentren und Krankenhäuser sind dafür nicht die univer-selle Lösung, da sie nur dem maximal mobilen Anteil der Bevölkerung dienen“, so Palancares. „Früher waren wir Hausärzte vormittags in der Praxis und nachmittags bei den Patienten Zuhause unterwegs. Doch aufgrund der hohen und stetig steigen den Patientenzahlen in der Praxis, geht das leider nicht mehr“, sagt Michael Günther. 

Genau hierhin entwickelte sich die Projektidee: Hausbesuche, für die es nicht zwingend den Arzt braucht, werden delegiert und so die medizinische Versorgung gesichert. 

Dr. Michael Günther arbeitet bereits mit speziell ausgebildeten und erfahrenen medizinischen Fachangestellten, sogenannten VERAHs (Versorgungsassistent- Innen in der Hausarztpraxis) bzw. NäPas (Nicht-ärztliche PraxisassistentInnen). 

 

Versorgung von Patienten durch ortsgebundene VERAHS

Die Projektidee definiert die jetzige Arbeitsweise neu und erweitert sie um den Aspekt einer ortsgebundenen, statt einer rein mobilen Versorgung von Patienten durch eine VERAH. 

Das Konzept sieht vor, dass die Streutal-gemeinden Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, welche von den VERAHs, ortsgebunden und in einem Sprechstundensystem genutzt werden. „Wir wollen mit diesem System den persönlichen Kontakt zu den Patienten erhalten, zuhören und die „Wehwechen“ direkt im Ort versorgen, “ so Dr. Günther. In Situationen, in denen es den fachkundigen Rat eines Arztes braucht, kommt moderne Telemedizin zum Einsatz. Der Arzt schaut sich anhand spezieller telemedizinischer Ausrüstung seine PatientInnen an und entscheidet über das weitere Vorgehen. So könnte die Bevölkerung des Streutals weiterhin medizinische Versorgung vor Ort in Anspruch nehmen. 

Die Herausforderung

Diese ortsgebundene Leistung der VERAH, im Vergleich zur mobilen VERAH, wird im deutschen Gesundheitssystem aber noch nicht abgebildet und somit nicht vergütet. Das Projekt soll zeigen, dass es sich für Ärzte, Kostenträger und die Bevölkerung lohnt, hier andere Regelungen zu schaffen. 

Zusammen mit den HU’s und der Streutal-Allianz wurde ein Förderantrag beim Innovationsfonds des GBA gestellt, verbunden mit der Hoffnung, für innovative, neue Patientenversorgungskonzepte Förderungen zu erhalten. Sollte das Konzept nicht positiv beschieden werden, werden Dr. Günther, Palancares und die vielen einzelnen HeimatUnternehmer weiter Energie und Leidenschaft in diese Projektidee stecken, um alternative Wege der Förderung zu generieren. 

„Eines steht fest. Ohne das Netzwerk der HeimatUnternehmer wäre das Projekt heute sicher nicht so weit, wie es derzeit ist. Viele einzelne HeimatUnternehmer leisteten ihren Beitrag, stellten Kontakte her und halfen mit ihrer Expertise. Jeder HU zog an kleinen Strippen und brachte dieses Projekt bis jetzt so weit voran. Wir glauben an uns und daran, dass wir dieses Projekt umsetzen werden“, konstatiert Palancares. 

Schließlich drängt die Zeit und in Augen der HeimatUnternehmer gibt es derzeit keine Alternative für hausärztliche Ver-sorgung der Bevölkerung im Streutal. 

 

“DORFSCHWESTER” – VERAH

Mobile VERAHs (VersorgungsassistentInnen in der Hausarztpraxis) bzw. NäPas (Nicht-ärztliche PraxisassistentInnen) entlasten bereits einige Hausärzte durch gezielte Hausbesuche. Jedoch werden die PatientInnen dabei nur einzeln besucht. Das neue „System Dorf-schwester“ soll durch ortsgebundene VERAHs, regelmäßige Sprech-stunden und mit telemedizinischer Anbindung eine örtliche Anlauf-stelle im Dorf schaffen und so die hausärztliche Versorgung im Ort erhalten.