Peter Picciani: Ich muss mich einmischen

Warum gehören Playmobil-Figuren, Damen-Dessous und Che Guevara zu Peter Piccianis Alltag?

Peter Picciani ist ein Mensch, der nie den einfachen Weg gesucht hat – und schon gar nicht gegangen ist. In der DDR aufgewachsen, eckte er in den 80ern als systemkritischer Liederma-cher an. Die Folge waren harte Repres-salien, drei Monate Gefängnis und die Zwangsausweisung in den Westen. Verbiegen lassen hat er sich jedoch nie. Nicht in dieser Zeit. Nicht heute im Westen.
„Hier steh‘ ich nun und kann nicht anders“ hat Martin Luther gesagt. „Ich muss mich einmischen, wenn ich sehe, dass was schiefläuft“ sagt Peter. Auch deshalb wollte er mit dem ‚Grabfelder‘ eine Regionalwährung etablieren, den Bau neuer Supermärkte verhindern und den Ausverkauf an Großkonzerne abwehren. Weil er sieht, wie regionale Strukturen wegbrechen. Wie Heimat verliert.

Peters Ankunft in der Rhön 

1989 kam Peter aus der Hamburger Ge-gend in die Rhön. „Ich war tief berührt von der unglaublich schönen Land- schaft, von ihrer Unversehrtheit. Ich dachte, in der Rhön ist die Zeit stehen-geblieben. Hier waren die Dinge noch in Ordnung und die Natur intakt. So, wie es sein soll.“ Doch auch dieser Weg, in die Rhön, war für Peter beschwerlich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Für die Eignungsprüfung an der Holzbild-hauerschule in Bischofsheim buchte er in Hamburg den Nachtzug, kam allerdings nur bis Fulda. Dann ging nichts mehr. Kein Zug, kein Bus und auch per Anhalter kam er nicht weit. Also machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Bischofsheim. Pünktlich um 8 Uhr stand Peter in der Schule, fix und fertig und nur ein paar Kritzeleien im Gepäck. „Normalerweise wäre ich durchgefa-llen, doch der Lehrer gab mir eine zwei-te Chance und schlussendlich absol-vierte ich die Schule als Klassenbester.“

Che Guevara und Playmobil

Seit 1993 hat der freischaffende Künstler eine eigene Werkstatt in Ipthausen. Und wie selbstverständlich lugt hinter Peters Drechselwerkzeug „Che Guevara“ hervor — die berühmte Schattengrafik des Freiheitskämpfers. Peter schmun-zelt. „Die hatte ich 1973 schon an meiner Wand im Internat.“ Der gebürtige Mecklenburger ist als Kunstschaffender ungeheuer vielseitig und lässt sich nicht festnageln auf eine bestimmte Stilrichtung. Hundert Dinge scheint er gleichzeitig zu tun. Für ein Bühnenbild des Maßbacher Theaters zeichnet er den Entwurf mit dem Blei-stift auf ein fast antikes Zeichenbrett und baut ein Modell danach, in welches er Playmobilfiguren integriert. Für eine Dessous-Firma gestaltet er individuelle Schaufensterpuppen. Die Damenunterwäsche liegt daneben. In der Ecke steht, halb fertig, „Kevin“ (aufgeschlossen, weltoffen und voller Tatendrang – so der volle Titel). Eine kleine geschnitzte Holzfigur, die gebeugt auf das Smartphone starrt.

Wenn Peter Picciani ein Projekt und ein Werk beginnt, dann legt er nicht einfach los. Er fühlt und lebt sich ein. Er begibt sich in die Welt des Objektes. Er taucht ein. Für ein Auftragswerk der Stadt Bad Königshofen sollte er einen Jesus- Korpus am Kreuz erschaffen. Bis über-haupt die erste Skizze getätigt war, be- suchte er ein Kloster, stellte sich seine eigene Glaubensfrage und las einen Zentner Bücher, um rauszukriegen: Wer war Jesus Christus? Das Ergebnis war nicht Jesus am Kreuz, sondern „Maetraya“, eine romanische Christusfigur mit dem Kopf  Buddhas, schwebend vor dem Kreuz.
Lächelnd schaut sie hinunter auf die Stadt. Peter wollte auf keinen Fall eine „angenagelte Figur“ erschaffen. So wie sich Peter selbst auch nicht festnageln lässt. Es ist eine außergewöhnlich schöne Christus-Darstellung. Durch Werke wie diese verschönert Peter Stück für Stück das Grabfeld, seine jetzige Heimat.

In der Rhön habe ich meine „Heimat“ entdeckt.

Heimat. Das ist für Peter ein zentraler Begriff seines Lebens. „Rausgeschmissen aus dem Osten habe ich die schmerzliche Erfahrung gemacht, eine Heimat zu ver-lieren: Landschaften, Bäume, Häuser und vor allem Freunde. Das alles ist für mich Heimat. In der Rhön habe ich sie für mich neu entdeckt und möchte sie bewahren.“

Die Oase im alten Zehnthof

Deshalb restauriert Peter mit seiner Frau Jutta Tholen seit vielen Jahren sein rie-siges Anwesen, das aussieht wie ein me-diterranes Kloster. Gerade pflastern sie aufwendig und liebevoll die Scheune. Es ist jetzt schon traumhaft schön. Ein wirk- lich besonderer Ort. „Wir erschaffen uns hier ein kleines Paradies, einen Ruhepol und Rückzugsort. Das machen wir, um die Katastrophe da draußen überhaupt aushalten zu können.“

Schnitzwerkstatt im Sommer

In diesem einzigartigen Ambiente, einem liebevoll restaurierten Bauernhof, in dem der Geist der Kunst zu atmen scheint, bietet Peter im Sommer die „Schnitzwerkstatt“ für Menschen an, die ihr schöpferisches Potential entfal-ten und sich kunsthandwerklich aus-probieren wollen. Gemeinsam mit drei befreundeten Künstlern gründete Peter Picciani dazu die Grabfeld+Ateliers Marketing GbR, um Kreativkurse direkt in den Werkstätten der Künstler anzubieten und um einen sanften Bildungs-tourismus in der Region zu etablieren. Peter will sein Wissen und seine Passion weitergeben: Für die Kunst und seine Heimat.

KONTAKT

Peter Picciani
Linde 29
97631 Bad Königshofen im Grabfeld
Telefon: 09761 3552
peter@grabfeld-ateliers.de
www.grabfeld-ateliers.de

www.atelier-im-alten-hof.de